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HIER UND JETZT Antikoloniale Eingriffe. Museum Ludwig

Installationsansicht Paloma Ayala, I will grow ears on my hands, arms on my eyes, fingers on my fingers, to glean every nutritious molecule of life, 2022
Foto: Sandra Ellegiers

HIER UND JETZT im Museum Ludwig
Antikoloniale Eingriffe

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Sammlungen und der Ausstellungspraxis des Hauses 

ANTIKOLONIAL Quelle: Glossar zur Ausstellung 

"Während der Kolonialzeit hatten die Kolonisatoren eine Vormachtstellung gegenüber den kolonisierten Gruppen und unterdrückten deren kulturelle Praktiken, Bräuche und Wissensformen. Damals wie heute gab bzw. gibt es aufgrund der ungleichen Machtverhältnisse Widerstand gegen die koloniale Unterdrückung und die damit verbundenden Privilegien. Die gegenüber den Kolonialmächten angewandten Überlebensstrategien sind antikoloniale Gesten. In postkolonialen Kontext gelten die Adressierung der anhaltenden Diskriminierungsverhältmisse und die Entwicklung von Alternativen sowie die Überwindung subalterner Beziehungen auch als antikoloniale Widerstandspraktiken."

 

Das Glossar beschäftigt sich mit Begriffen, die in der Ausstellung eine Rolle spielen, und bezieht sich auf Themen des Museums als Institution. (...) Die Auswahl der Wörter wurde von Joanne Rodriguez und Victor Saiden getroffen und gibt deren Perspektive auf die antikolonialen Eingriffe der Ausstellung  (08.10.2022 – 05.02.2023) wieder.

B26 sprach mit der Kuratorin Joanne Rodriguez. Zum Artikel HIER.

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Künstler:innen aus Lateinamerika setzen sich mit dem Umgang des Hauses mit der Sammlung der Schokoladenfabrikaten Ludwig auseinander. Die Ausstellung hinterfragt u. a. die Funktion des Museums. Und auch: Wer macht die Kunst? 

Zu sehen sind in Köln Werke der Künstler:innen Daniela Ortiz (*1985 in Peru), Paula Baeza Pailamilla (*1988 in Chile), Pável Aguilar (*1989 in Honduras) und Paloma Ayala (*1980 in Mexiko). 

08.10.2022-05.02.2023

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B26 Arts & Cultural Projects veröffentlicht Nachrichten aus der lateinamerikanischen und kari-bischen Kunstszene in Deutschland und bietet einen globalen Überblick über die Auswirkung der Kunst aus dieser amerikanischen Region auf die Welt.

Museum Ludwig

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Antikoloniale Eingriffe, 2022
Die künstlerischen Arbeiten machen verteilt über das ganze Haus, existierende Machtverhältnisse sichtbar – so setzt sich Pável Aguilar mit dem exotisierenden Blick expressionistischer Künstler auseinander und dreht ihn um. 
Foto: Sandra Ellegiers

Ausstellungsansicht "Under Construction", Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin, 2.6.2022 - 15.1.2023
Nationalgalerie - Staatliche Museen zu Berlin, 2021 erworben durch die Stiftung der Freunde der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst
©Mariela Scafati ©Thomas Bruns

Eduardo Basualdo, Sandra Gamarra Heshiki, Mariela Scafati und Bartolina Xixa in der Ausstellung Under Construction
Neuerwerbungen der Neuen Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof

Die Neue Nationalgalerie hat in den letzten Jahren Werke von Eduardo Basualdo, Gamarra Heshiki, Mariela Scafati und Bartolina Xixa  erworben. Nun sind Ihre Arbeiten bis zum 15. Januar 2023 zusammen mit denen 11 weiterer internationaler KünstlerInnen im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin zu  sehen. Under Construction im Hamburger Bahnhof zeigt fünfzehn teils raumgreifende Neuerwerbungen und rückt Mechanismen des Ausstellens und des musealen Sammelns in den Fokus. Die Präsentation reflektiert Aspekte wie Nachhaltigkeit und Diversität als Richtli-nien für institutionelles Sammeln von Kunst. Zu sehen sind Gemälde, Installationen, Skulpturen, Videos und Arbeiten auf Papier, zumeist erstmals der Öffentlichkeit gezeigte Neuerwerbungen aus den vergangenen Jahren: 11 Erwerbungen der Stiftung der Freunde für zeitgenössische Kunst, zwei Erwerbungen der Freunde der Nationalgalerie sowie zwei Schenkungen an die Nationalgalerie.  ​ KünstlerInnen: Nairy Baghramian, Eduardo Basualdo, Thea Djordjadze, Ceal Floyer, Sandra Gamarra Heshiki, Melvin Moti, Manfred Pernice  Martin Städeli, Mariela Scafati, Dierk Schmidt, Daniel Steegmann Mangrané, Bartolina Xixa und Julio González.  ​ KuratorInnen: Gabriele Knapstein, Stv. Direktorin und Sammlungsleiterin Hamburger Bahnhof; Alice Koegel, Ausstellungsleiterin und Kuratorin Hamburger Bahnhof; Kuratorische Assistenz: Luisa Bachmann, Wissen-schaftliche Museumsassistentin i.F.  Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie.  ​

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Invalidenstraße 50, Berlin-Mitte © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Der Protest von Scafati 
Die Installation der argentinischen Künstlerin Mariela Scafati in der Ausstellung Under Construction 

Es ist eine Art " Dauerprotest ", den Mariela Scafati in der Gruppenausstellung Under Construction im Hamburger Bahnhof in Berlin bis Januar 2023 zeigt. Insgesamt 60 rosa bis rote Plakate, die über die Wände eines Raumes verteilt sind, bilden einen Block von Bildern, die sowohl Traurigkeit als auch Freude hervorrufen oder zum Nachdenken anregen. Windows heißt die Installation der argentinischen Künstlerin, mit der sie auf verschiedene aktuelle gesellschaftliche Themen verweist. Ein Farbfeuerwerk in Rot- und Rosatönen erscheint, bevor es sich im Raum entfaltet. Sobald man ihn betritt, umhüllen den Betrachter und die Betrachterin 60 Plakate in diesen Farbtönen. Auf allen sind handgeschriebene Texte in englischer und spanischer Sprache zu lesen. Sie bestehen aus nicht mehr als 50 Zeichen und offenbaren jene Ideen, Sorgen oder Gedanken, die die argentinische Künstlerin in ihrem grafischen Werk festhält. Das 2011 begonnene künstlerische Projekt ist konzeptionell und eindeutig politisch, denn Bild und Text werden auf einem rechteckigen Stück Papier zu einem Plakat zusammengefügt. Und was eignet sich besser als ein Plakat, um aktuelle Themen aufzugreifen – politische und soziale Proteste sowie die Frauenbewegung. Ein erstes „Fenster“, das sich der Künstlerin auftat und dieses Projekt motivierte, waren Gespräche mit einem Freund, eine führende Persönlichkeit der Protestbewegung 15-M, die aus der Demonstration gegen soziale, politische und wirtschaftliche Missstände am 15. Mai 2011 in Spanien hervorging. Unmittelbar nach dem Ereignis, organisierten sich viele Menschen in Madrid/Spanien in Gruppen persönlich, um weitere Protestaktionen zu starten. Aufrufe auf Facebook brachten Millionen von Menschen zusammen, erzählt den Argentiniern, die auch auf der documenta 2021 vertreten ist. Über Facebook-Gruppen kamen bis zu 2 Millionen Menschen, um zum Beispiel für das Recht auf Abtreibung zu protestieren. Später dann organisierten sich auch online Interessensgruppen, die verschiedene Themen aufgriffen. „Zu dieser Zeit herrschte viel kreative und politische Unruhe, die mit Demonstrationen an anderen Orten in anderen Ländern, einherging", erklärt Scafati. Über WhatsApp meldeten sich spontan zum Beispiel Bauernkooperativen, die sich mit ihren ganz konkreten eigenen Interessen und Sorgen aus dem Arbeitsalltag der Bewegung anschlossen. Hierin zeigte sich besonders, wie sich das Bewusstsein der Menschen veränderte, und eine Art Rückkehr zu den Wurzeln stattfand. So kam es zum Beispiel dazu, so die Künstlerin, dass die wachsenden Tomatenpflanze, die erste Tomate, eine wichtige Nachricht in den Sozialen Medien war, die alle bewegte, symbolisierte sie doch, dass unabhängige Versorgung eine Option ist. Aus dieser ersten Phase, in der sich Scafati mit der gesellschaftlichen Bewegung künstlerisch auseinandersetzte, entwickelte sich 2021 eine zweite. Neue Inhalte rückten in ihr künstlerisches Blick- und Schaffensfeld und sind Teil von Windows. Die Inhalte der Plakate beziehen sich von da an auch auf Persönliches, Politisches, Ideen oder Utopien über die Dinge, die man vergessen oder über die man weiter nachdenken sollte. Windows fasst die Summe dieser beiden Erfahrungen, der schnellen Mobilisierung und der Bündelung von Bürgerinteressen sowie die sich in den sozialen Medien widerspiegelnde Interesse an den ganz elementaren, den eigentlich wichtigen Dingen, zusammen. In ihrer Kunst experimentiert Scafati aber auch mit geometrischer Abstraktion, modernem Design, Performance und alternativen Medien. Die Künstlerin, die einen Sohn hat, den sie nicht in eine Schublade stecken will, engagiert sich auch in den Bewegungen Queer Screenprinting und Chromoactivism. So ist es nicht verwunderlich, dass die Farben Rot und Rosa, Party, Karneval und Tanz Teil ihrer Einmischung in den öffentlichen Raum sind. In der von Gabriele Knapstein und Alice Koegel kuratierten Ausstellung im Hamburger Bahnhof, befragen und prägen die Künstler*innen unseren Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Scafatis Werk stichts hervor, weil es in seiner starken sinnlichen Wirkungsmacht Besucher und Besucherinnen gedanklich aufrüttelt und geradezu auffordert, Teil ihres Prozesses zu sein. In der von Gabriele Knapstein und Alice Koegel kuratierten Ausstellung im Hamburger Bahnhof hinterfragen und gestalten die Künstlerinnen und Künstler unseren Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Scafatis Werk zeichnet sich durch eine starke sinnliche Wirkung aus, die die Gedanken der Besucher aufrütteln und sie praktisch dazu einladen, Teil seines Prozesses zu werden.