B26 ART FROM LATIN AMERICA

Delcy Morelos, Madre, 2025, Erde, Ton, Wasser, Holz, Metall, Jute, Heu, Stroh, Zimt, Nelken, Buchweizen, Chia-Samen, Tabak, Honig, Maße variabel. Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, 11.7.2025 – 25.1.2026. © Delcy Morelos, 2025. Courtesy die Künstlerin und Marian Goodman Gallery. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo La Forgia
Madre – Delcy Morelos
im Hamburger Bahnhof
Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Januar zu sehen.
„Ich bin in einem Dorf geboren, in einem Haus aus Lehmziegeln, dessen Wände und Fußboden aus Erde bestanden. Für mich bedeutet die Arbeit mit Erde die Erinnerung an meine Kindheit.“ Mit diesen Worten beschreibt Delcy Morelos in einem Gespräch mit der Kuratorin Catherine Nichols ihren Ursprung. Die Künstlerin wurde 1967 in Tierralta geboren, einem Dorf im Norden Kolumbiens, wo Erde nicht nur Baumaterial ist, sondern Teil des gelebten Alltags. In Berlin wird der Hamburger Bahnhof zu jenem Haus, das ihre Installation Madre aufnimmt: ein Ort, an dem sich biografische Erfahrung, Materialität und Architektur begegnen.

Foto ©CZS

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Für Madre arbeitete Delcy Morelos mit Lehm und Erde aus Brandenburg, die sie mit Wasser, Holz, Buchweizen, Chiasamen und Stroh verband. Die Materialität der Arbeit erschöpft sich nicht im Sichtbaren. Auch Gerüche sind ein zentrales Element der Installation. Sie wirken wie eine unsichtbare Spur und leiten die Besucher:innen durch den Raum. Aber statt nach Rosen, Jasmin oder Lavendel – wie in Grasse, dem Schauplatz von Patrick Süskinds Roman Das Parfum – riecht es im Hamburger Bahnhof nach Zimt, Nelken und Honig. Diese Düfte erfüllen den Raum, können als angenehm oder als intensiv wahrgenommen werden und erweitern die Erfahrung der Arbeit um eine sinnliche, zutiefst körperliche Dimension.

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Aus diesen Materialien also hat Delcy Morelos einen etwa zwanzig Meter langen Erdkörper gebaut, der an drei Stellen eingeschnitten ist. Betreten wir einen dieser Einschnitte, dann verstummen die Umgebungsgeräusche und der Erdkörper umfängt uns. In ihrer Arbeit setzt Morelos die Erde in Beziehung zur Mutterschaft. Sie beschreibt einen Zustand des Werdens: dunkel, feucht, geschützt – vergleichbar mit einem reinen Mutterleib, in dem sich Leben entwickelt.

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„Ich bringe die Erde an einen Ort des Friedens und der Ruhe“, formuliert Morelos. „An einen Ort, an dem sie nicht beschädigt werden kann – einen Ort wie das Museum, wo sie geheiligt wird.“

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In diesem Moment wird das Museum selbst zu einem schützenden Raum – zu einem Haus, das bewahrt und Beziehung stiftet. Auch Gaston Bachelard beschreibt in La poétique de l’espace (1957) das Haus als unseren ersten Ort in der Welt – als ein erstes Universum, als einen Kosmos oder bewohnten Raum, der das Ich schützt, trägt und formt.

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Delcy Morelos’ Arbeit steht in der Kleihueshalle der Nationalgalerie der Gegenwart nicht isoliert, sondern im Dialog mit Werken von Joseph Beuys. Beide Künstler teilen das Interesse an natürlichen Materialien wie Erde, Stein oder Honig sowie die Überzeugung, dass Kunst eine transformative Kraft besitzen und Heilungsprozesse anstoßen kann. Während Beuys diese Idee aus einem universellen, gesellschaftstheoretischen Ansatz heraus entwickelte, ist die politische Dimension bei Morelos zutiefst biografisch und historisch verankert: Ihre Arbeit mit Erde verweist auf die kolonialen Ursprünge von Landaneignung in Kolumbien, auf ungleiche Besitzverhältnisse, Gewalt, extraktivistische Wirtschaftsmodelle und deren bis heute spürbare soziale Folgen.

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„Die Erde nährt uns, sie trägt uns, sie schenkt uns ihre Früchte.“
stellt Morelos fest. Hier drängt sich eine Frage auf: Wenn die Erde uns Schutz bietet, warum schützen wir die Erde nicht?