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Amazônia. Indigene Welten, Ausstellungsansicht, Foto: Simon Vogel, 2026 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland



Die Kunst des Perspektivwechsels

Es ist heiß in Berlin und in weiten Teilen Europas. Ein wenig Regen würde uns allen guttun. Bis er kommt, lädt die Kunst zu einer anderen Form der Erfrischung ein. In dieser Sommerausgabe nehme ich Sie mit in zwei Ausstellungen: Em torno do Aleph von Helcio Barros in Berlin und Amazônia. Indigene Welten in Bonn. Meine Gedanken sind in diesen Tagen auch bei den Menschen in Venezuela, die unter den Folgen der verheerenden Erdbeben leiden.

Ein Besuch in der Galerie Barbara Thumm zur Eröffnung der Ausstellung Em torno do Aleph von Helcio Barros war bei über 30 Grad eine willkommene Erfrischung. Während viele Berliner*innen den Weg an die Seen suchten, entschieden sich mehr als drei Dutzend Besucher*innen dafür, in das Universum des brasilianischen Künstlers einzutauchen.

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©Helcio Barros. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

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©Helcio Barros. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

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©Helcio Barros. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

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©Helcio Barros. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

Der 1956 in Rio de Janeiro geborene Künstler bewegt sich wie selbstverständlich zwischen Malerei, Zeichnung und Literatur. Sein Werk lebt von einer außergewöhnlichen Vorstellungskraft, in der sich Bilder, Geschichten und Erinnerungen gegenseitig durchdringen. Geprägt wird dieser Bildkosmos auch vom Film, den er an der Universida de Federal Fluminense (UFF) studierte und dessen erzählerische Sprache bis heute in seinen Arbeiten nachhallt.

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©Helcio Barros. Superalephonte 50, 2023 - 2025. Acrylic and oil stick on cardboard cutout. 77 x 55 cm. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

©Helcio Barros. Superalephonte 48, 2023 - 2025. Acrylic and oil stick on cardboard cutout. 87 x 48 cm. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

Im Laufe des Abends erzählte mir Barros, dass er viele Jahre in einer Bank in São Paulo gearbeitet habe. Wenn gerade keine Aufgaben auf ihn warteten, zeichnete er heimlich im Büro. Hunderte kleinformatiger Zeichnungen verschwanden zunächst in einer Schublade und später für mehr als zwanzig Jahre in einem Karton. Erst dann fasste er den Mut, fünf davon in einer Gruppenausstellung in São Paulo öffentlich zu zeigen. In Folge nahm er auch an Einzel- und Kollektivausstellungen teil.

Im Jahr 2026 schloss sich der Kreis. Das Künstlerkollektiv Vilanismo widmete ihm als Anerkennung seiner Meisterschaft und seines jahrzehntelangen Schaffens im Rahmen der 36. Biennale von São Paulo eine eindrucksvolle Hommage. 

Der Titel von Barros‘ erster Soloausstellung in Deutschland Em torno do Aleph verweist auf Das Aleph von Jorge Luis Borges – jenen geheimnisvollen Punkt, an dem das gesamte Universum gleichzeitig sichtbar wird.

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©Helcio Barros. Superalephonte 26, 2023 - 2025. Acrylic and oil stick on cardboard cutout. 65 x 50 cm. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

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©Helcio Barros. Superalephonte 27, 2023 - 2025. Acrylic and oil stick on cardboard cutout. 87 x 48 cm. Courtesy of Galerie Barbara Thumm, Berlin

Auf meine Frage, was ihm durch den Kopf gehe, während er diese Werke erschaffe, antwortete Barros, seine „Alephonten“ und „Superalephonten“ entstünden dort, wo Gedanken, Erinnerungen und Emotionen ineinanderfließen und Bilder das ausdrücken, wofür Worte nicht mehr ausreichen.

Helcio Barros

Em torno do Aleph

Galerie Barbara Thumm

Markgrafenstraße 68
10969 Berlin

27. Juni bis 1. August 2026

Bevor ich in den Bildkosmos von Helcio Barros eintauchte, hatte ich bei Freunden einen Vortrag über die Arbeit von Human Rights Watch gehört. Im Mittelpunkt standen Demokratie, Pluralismus und die Freiheit aller Menschen – also die Frage, wer in einer Gesellschaft sichtbar sein, sprechen und ohne Angst leben darf.

Von dort war es für mich nur ein kleiner Schritt zur Kunst. Denn auch Bilder, Sprache und kuratorische Entscheidungen bestimmen mit, wer sichtbar wird und wessen Stimme Raum erhält.

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Amazônia. Indigene Welten, Ausstellungsansicht, Foto: Simon Vogel, 2026 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Ein überzeugendes Beispiel dafür ist die Ausstellung Amazônia. Indigene Welten. Sie lädt mit mehr als 400 Objekten dazu ein, den europäischen Blick auf Amazonien zu hinterfragen. Zeitgenössische Werke indigener Künstler*innen treten dabei in einen lebendigen Dialog mit Beständen archäologischer und ethnologischer Sammlungen und eröffnen neue Perspektiven auf die Wissenswelten des Amazonas.

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Lippenpflock, Volk der Ka’apor, Bundesstaat Maranhão (Brasilien), 1960–1972 © Musée du quai Branly – Jacques Chirac

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Kopfschmuck mit Nackenschutz, vor 1882 © Musée du quai Branly – Jacques Chirac

Bank mit zwei Vogelköpfen, apuka, 1900–1930 © Musée du quai Branly – Jacques Chirac

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Besonders eindrucksvoll wird dies dort, wo die Werke ein anderes Verständnis von Zeit vermitteln. Zeit erscheint hier nicht die lineare Abfolge von Stunden oder Jahreszeiten, sondern als Ausdruck einer lebendigen Beziehung zur Natur. Regen, Trockenzeiten oder der Wasserstand der Flüsse strukturieren den Jahreslauf und machen deutlich, dass auch Zeit kulturell geprägt ist.

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Denilson Baniwa, Cobra do tempo [Zeitschlange], Niterói (Brasilien), 2016 © Denilson Baniwa

Kuratiert wurde die Ausstellung von dem Anthropologen Leandro Varison, stellvertretender Leiter der Abteilung Forschung und Lehre am Musée du Quai Branly – Jacques Chirac, gemeinsam mit dem brasilianischen indigenen Künstler und Aktivisten Denilson Baniwa. Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Wissenssysteme macht die Ausstellung so überzeugend. Akademische Forschung und indigene Wissensformen begegnen sich hier auf Augenhöhe und eröffnen einen vielschichtigen Blick auf den Amazonas.

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Denilson Baniwa, Waferinaipe oder Die Alten Helden des Universums öffnen den Nabel der Welt, Niterói (Brasilien), 2018 © Denilson Baniwa

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Maniok-Korbschale, Departamento de Vichada (Kolumbien) © Musée du quai Branly – Jacques Chirac

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Iano Mac Yawalapiti, Detail einer Körperbemalung anlässlich des Kwarup-Festes, Dorf der Yawalapiti, Indigenes Xingu-Gebiet (Brasilien), 2022, 2023, 2024 © Iano MAC YAWALAPITI

Amazônia. Indigene Welten
Bundeskunsthalle

Helmut-Kohl-Allee 4
53113 Bonn

13. März bis 9. August 2026

Wir sehen uns im September wieder. Schöne Sommerferien!!

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