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Quarantine Diaries – Unser aller  Seife als Kunstwerk! 

 

Roberto Uribe Castros Werk Quarantine Diaries versammelt Fotos von Seifenstücken, die Menschen aus aller Welt in ihren Privaträumen in unterschiedlicher Qualität geschossen haben. Das kollektive Work in Progress startete 2020 während der Covid19-Pandemie auf seinem Instagram Account und lief auf dem der irischen Galerie Artlink in Fort Dunree, Irland, im Mai 2021 weiter. Parallel dazu stellte die Galerie Quarantine Diaries, das Normen und Institutionen infrage stellt und Raum für ein Zusammenwirken von Publikum und Künstler schafft,  vor Ort aus.

 

Zusammen machen wir Kunst!
 

Die Seifenstück-Sammlung auf Instagram lenkt den Blick auf ein Alltagprodukt und die gewöhnliche Handlung des Körperreinigens „irgendwo bei Dir zuhause.“ „Du denkst, dass sie besonders unwichtig ist, aber sie sagt doch viel über Dich aus“, erzählt Uribe Castro bei einem Treffen in seinem Berliner Atelier. Es zeige sich darin, "wie menschlich wir alle durch einen noch so kleinen Akt werden und dass wir miteinander verbunden sind." 

Die Instagram-Fotos der Seifenstücke sind mit dem Namen der Fotografen und Fotografinnen sowie ihrem Datum und Entstehungsort untertitelt und werden ausnahmslos in jeder Qualität gepostet. Abhängig von der Menge sind in einem Beitrag bis zu zehn Bilder oder mehrere Feed-Beiträge über den Tag verteilt zu sehen.

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Vielfältig und doch gleich

 

Rund, oval, eckig oder in freier Form; zart wie ein Kieselstein am Strand, vollkommen wie ein Ei; sperrig, anschmiegsam, hässlich und schön. Ganze Seifenstücke, -brocken und -reste ruhen auf Tellern, Fliesen, Waschbecken, Dusch- und Badewannenrändern und in Händen. Das intime Produkt begegnet uns im kollektiven Instagram-Kunstwerk in jeglicher Machart und Couleur. Wir erahnen, wissen und sehen, dass ihre Konturen sich durch ihren Gebrauch verändern und sich im Laufe der Zeit auflösen. 

Quarantine Diaries deutet Uribe Castros Interesse am Vorrübergehenden an, das er bisher in seiner im öffentlichen Raum stattfindenden Arbeit thematisiert. Insbesondere identifiziert er sich mit Walter Benjamins Gedankenwelt, in der kleinste Alltagsrituale einen größeren Sinn beinhalten und Spuren sind, die durch das Wohnen hinterlassen werden und als Impuls zur Erinnerung dienen.

Sie sind zwar verschieden und vergänglich, diese Seifenstücke, mit denen wie eine intime Beziehung führen, deren Duft uns begleitet und Erinnerungen weckt, doch in der bildlichen Wiederholung und aus unterschiedlichen Lebensorten und -welten stammend, rückt das Bleibende in den Vordergrund. „Sie sind gleichzeitig allgemein und individuell, im Wesentlichen sind sie jedoch Teil eines fortwährenden Ganzen.“ 

 

Hinein in den Dialog über die Spur des Alltäglichen

 

Die Spur des Alltäglichen führt vom konservierenden, lehrenden Musealen weg. Dadurch dass der Künstler zudem den „Zeichenstift“ in die Hand des Betrachters legt, stellt er einen Austausch zwischen ihm, dem oder den Betrachtern, den Bildern, den Texten und den Algorithmen her. Es passiere, was viele Institutionen vergeblich versuchten, so Uribe Castro. Ihnen gelinge es nicht, einen Dialog zu führen, weil sie in der romantischen Vorstellung des Künstlergenies verharrten. Er identifiziere sich selbst mehr mit der barocken Kunst, wie sie Octavio Paz in seiner Biographie über die Poetin Sor Ines de la Cruz  beschreibe, die menschliche Gefühle und existentielle Fragen dynamisch und leidenschaftlich durchdringe. Es gehe schließlich nicht darum, derjenige zu sein, der in der Lage sei, „Berge zu versetzen, sondern Berge zu verstehen“, nicht eine Welt zu erfinden, sondern die existierende zu beschreiben oder ihre Stimme zu sein. Deshalb arbeitet der Kolumbianer gerne im öffentlichen Raum, „weil ich hier hören kann, was die Menschen zu sagen haben.“ 

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„Wir sehnen uns jetzt nach Poesie. Sie ist mit der Menschlichkeit erfüllt, die wir gerade so sehr brauchen.“

In Quarantine Diaries entsteht die Kunst im Hier und Jetzt. Jeder Seifen-Post, einzeln oder hinter- und miteinander betrachtet, schafft Raum zum Träumen und Nachdenken, verführt sogar, sich mit anderen im Geiste zu verbinden. Die Seifen bringen uns auf eine Spur. Wie ein Gedicht. Vielleicht erweckt ein Bild ein bestimmtes Gefühl, erinnert an etwas oder suggeriert die Frage, wer das wohl ist, die oder der sich mit der honigfarbenen ovalen Seife wäscht? Sieht es in dem Badezimmer wirklich so aus oder ist das inszeniert? Was passiert außerhalb des Badezimmers, im Flur hinter der Tür, im restlichen Haus, in der Straße, in dem Ort, in dem sich das Haus befindet?
„Es sind auch Bilder aus Marokko, Thailand oder aus dem Iran dabei. Vielleicht entsteht eine Spannung, wenn Du sie siehst. Durch Quarantine Diaries stellst Du Dir etwas vor und kannst dem nachgehen. Lädt Kunst nicht ein, weiter zu schauen?“, fragt Uribe Castro, „Jedenfalls lässt sie dich nicht einfach stehen.“ Es ist schön, wenn sie uns abholt wie die Poesie der jungen Amanda Gorman bei Joe Bidens Amtsantritt, begeistert sich der Künstler.


In Quarantine Diaries rückt das intime Alltagsprodukt wiederholt ins Blickfeld und gelangt so ins Bewusstsein des Einzelnen. Es ist jedoch nicht irgendeines. Es schenkt uns Gesundheit und Sicherheit. Deshalb ist das Auge des Betrachters während der Pandemie womöglich empfänglicher für das Bildmotiv der Seife. Uribe Castros kollektives Werk holt ihn ab in der weiten Welt da draußen und bringt ihn dorthin, wo Identität stiftendes Gemeinsames entsteht, das Andere sich als das Eigene erweist.

Instagram-Posts con Seifen aus aller Welt auf @roberturibecastro und @artlinkfordunree
Auf Instagram sind wir alle gleich

Lautlos schleicht sich Quarantine Diaries in Zeiten von Social Distancing aus Denkschubladen des Marktes, der Galerien und Kunsthäuser in ein neues öffentliches soziales Miteinander. Instagram schenkt dem Kunstwerk diese Freiheit. Es stellt hier nicht das Kunstobjekt aus, dient als weiterer Ausstellungsraum, sondern ist gleichzeitig Ort des Geschehens und Werkzeug, das dessen Sein bestimmt.
Die Posts der Seifenbilder enthalten Spuren, die wir hinterlassen. Sie veranschaulichen als Sammlung, orchestriert durch den Künstler Uribe Castro, wie sich der Mensch äußeren Umständen anpasst. Dass wir sie heute sehen und morgen nicht mehr, mindert nicht ihre Bedeutung. Durch die neue visuelle künstlerische Ausdrucksform erfährt der Betrachter sich als soziales Wesen. Er hat als solches auf einer Ebene Zugang zur Kunst, die allen gemeinsam ist. Die Spuren zwischen Öffentlichem und Privaten verwischen. „Selbst Institutionen müssen jetzt Instagram nutzen, um ihre Werke zu zeigen. Dadurch unterwerfen sie sich einer Art Überinstitution. Aber das Interessante daran ist, dass die Möglichkeit, sich dort zu entfalten, für alle gleich ist.“  


„An irgendeinem Punkt hat die Pandemie dazu geführt, dass wir uns verbinden“, begrüßt Uribe Castro diese Entwicklung. Und nicht mehr und nicht weniger bewegte Uribe Castro, das Projekt nun zusammen mit Artlink weiterzuführen. Schlicht gesagt: „Quarantine Diaries kann nur wachsen, wenn viele Menschen mitmachen.“

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VISUAL ARTIST

Roberto Uribe Castro

Da ich nicht in meiner Heimat Kolumbien lebe, fragte ich mich, wie ich die Verbindung zu meiner Familie aufrechthalten kann. Das Seifenstück war für mich wie eine plötzliche  Offenbarung,. Feste Seife ist etwas, das gerade vom Markt verschwindet.  Dabei hat es so schöne Eigenschaften. Das fiel mir vor allem auf, weil hier in Europa eher Flüssigseife benutzt wird. Als ich in Kolumbien gewesen war, hatte ich meine Mutter darum gebeten, Seifenstücke, die sie benutzte, aufzubewahren und ich habe dasselbe gemacht, ohne dass mir klar war, was damit geschehen sollte. Als ich dann im März 2020 wegen der Pandemie in Bogotá feststeckte, hat meine Mutter die gesammelten Stücke hervorgeholt und ich zeigte sie auf Instagram und wie von selbst entstand dann Quarantine Diaries.
Ich glaube, dass wir als Künstler viel lesen, recherchieren und beobachten sollten, und was uns manchmal gelingt, ist das Einfangen eines Moments und eines Gefühls. Dieses Werk  ist durch Reaktionen der Menschen und von alleine entstanden. Meine Rolle dabei war und ist mehr die einer Art Medium. Manchmal empfinde ich den Prozess wie etwas Metaphysisches, so, als sei es schon dagewesen. Manches Kunstwerk trägt dieses Wundervolle in sich, dass es entstehen musste.“


Interview vom 16.4.2021 in Berlin.

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B26 N°001 
QUARANTINE DIARIES


Booklet zur Ausstellung