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Verschmelzung von Ideen und Traditionen

Campos-Pons hat ihre Ausstellung The Rise of the Butterflies Breonna Taylor gewidmet. Die junge, afroamerikanische Rettungssanitäterin starb in der Nacht vom 12. auf den 13. März 2020 in ihrem Bett – erschossen von Polizisten, ohne selbst Täterin oder Beschuldigte gewesen zu sein. Black Lives Matter (zu Deutsch: Schwarze Leben zählen) – die Kraft jener Bewegung findet sich auch in Campos-Pons‘ Werk wieder. Lag ihr Fokus der 1990er Jahre auf Erinnerungen, Vertreibung, dem Ringen um Identität und der Verdammung zur Bewegungsunfähigkeit, bricht sich seit der Jahrtausendwende der Geist einer sich befreienden Bewegung Bahn, die gleichermaßen nach kultureller und subjektiver Erlösung strebt.

Campos-Pons große Installation aus fünf Glas-Mobiles entstand in Zusammenarbeit mit der Fondazione Berengo im italienischen Murano.

Inspiriert von den einzigartigen Pigmentierungen der Schmetterlingsflügel und den üppigen Mustern der Natur entstanden mit traditionellen Mura-noglas-Techniken individuelle Einzelstücke. Campos-Pons selbst spricht von "Wassertropfen und Tränen, die aufsteigen und sich in Breonna Taylors Augen verwandeln, die sich wiederum zu aufsteigenden Schmetterlingsaugen entpuppen." Schmetterlinge waren es auch, die die Schwester der getöteten Breonna Taylor bei einer Gedenkfeier im September 2020 in die Freiheit entließ – ein Sinnbild für die Seele der Toten, aber auch für die Verpuppung, das Schlüpfen und die Wiedergeburt, für Unsterblichkeit, Auferstehung und Neubeginn. 

 

 

 

 

 

 

Mit Glas arbeitet Campos-Pons seit 1963, etwa in Spoken Softly with Mama (1998), Threads of Memory (2004) oder Sugar Bittersweet (2010), in denen sie ihre persönlichen Er-fahrungen, die grundlegende Bindung zu ihrer Familie und die Kulturgeschichte ihres Heimatlandes Kuba reflektiert. In ihrer Ausstellung Alchemy of the Soul griff sie 2016 im PEM, Salem (Massachusetts) auf die Bauformen der verlas-senen Zuckermühlen und Rumfabriken Kubas zurück und schuf so ein berauschendes Erlebnis für den Betrachter. Die großformatigen mundgeblasenen Glasskulpturen verwandelten das schmerzliche Erbe von Sklaverei und harter Arbeit in eine poetische Symphonie des Verlustes und der Wiederinstandsetzung – ein nostalgisches Gefühl im An-gesicht unzählige Male gescheiterter Hoffnungen.

Im Gegensatz dazu gleichen Campos-Pons’ neue Arbeiten, die nun in der Galerie Barbara Thumm ausgestellt werden, einer Farbexplosion; einem überschäumenden allego-rischen Gesang von Erinnerung und Erlösung. In diesen fügen sich auch die großformatigen Triptychen gemalter Fotografien, die diese üppige und feierliche Ausstellung er-gänzen und in gewisser Weise zugleich ihren Mittelpunkt bilden. Denn es sind jene Monarch-Schmetterlinge, die auf ihrer jährlichen Wanderung das mexikanische Michoacán am Día de Muertos erreichen – jenem Tag, der zugleich der Toten gedenkt und das Leben feiert – in einem Rausch aus Blumen und Farben, wie auch Campos-Pons ihn in ihren Bil-dern zelebriert, deren knospende Blumen teils an sich öffnende Vulven gemahnen, die wiederum von Geburt, Neu-anfang und Metamorphose erzählen.

Die über all der Farbenpracht schwebenden Mobiles aus Murano-Glas greifen nicht nur das Thema der Schmetterlingsflügel auf, sondern gemahnen zugleich an Wassertropfen – das stete, niemals endende Leben, an Tränen der Trauer und der Freude – und an jene Nazar-Amulette, die „blauen Augen“ des Erkennens, des wachsamen Blicks und der Einsicht. Wächtern gleich schweben sie über all der pulsierenden Kraft neu erblühenden Lebens, vertreiben das Böse und geben so dem Neuen Raum zu wachsen, zu erstarken und zu gedeihen. Und nicht zuletzt lädt die schwebende Position der Mobiles auch den Betrachter ein, sich in jenem Rausch der Farben und Assoziationen zu verlieren, gemeinsam mit den Schmetterlingen aufzusteigen, das Schlachtfeld der Verwüstung aus Schuld, Leid und Schmerz unter sich zu lassen, die Perspektive zu wechseln und zu erkennen, was aus all dem Leid und Tod eben auch erwachsen kann: kraftvolles, wucherndes, verzehrendes und zugleich überbordendes, knospendes neues Leben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit ihrem Feld der Mobiles und den großformatigen gemalten Fotografien umarmt die Künstlerin die Natur. Ganz so, als wolle sie – eine Vertriebene in einer Welt anderer Geschichten, fern vom Daheim, anderen Erinnerungsfetzen lich ihren eigenen Ort erkennen: einen pluralen Raum ab-seits des nostalgischen Traums eines mythischen Ortes. Einen Ort, an dem Geschichtsbewusstsein und utopisches Verlangen helfen, die Gegenwart von der Vergangenheit loszulösen, beider Andersartigkeit zu begreifen und darin (auch für sich selbst) eine Zukunft zu erkennen. Und so erinnern Campos-Pons’ Arbeiten nicht nur an die unvollendete Aufgabe der Kunst und Kultur im Allgemeinen   neue Wege entdeck- und erlebbar zu machen, die einen Ausweg aus den Hinterlassenschaften kolonialer Herrschaft, kapi-talistischer Ausbeutung und Rassen- und Klassenhegemonie weisen. Sie zeugen auch davon, dass Erlösung und Utopie möglich sind.

Installationsansichten: María Magdalena Campos-Pons, The Rise of the butterflies, Galerie Barbara Thumm, 2021

Courtesy die Künstlerin und Galerie Barbara Thumm, Berlin

Foto Jens Ziehe

María Magdalena Campos-Pons, Untitled, 2021, Gouache auf Inkjet auf Papier, Komposition aus 10 Arbeiten, je 117,5 x 83 cm (gerahmt), gesamt 235 x 415 cm (gerahmt)

Courtesy die Künstlerin und Galerie Barbara Thumm, Berlin Photo: Inga Orschinski